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Das Morsealphabet wurde früher fast ausschliesslich im Telegraphenverkehr angewandt. Im interkontinentalen Verkehr ist es heute durch modernste Digitale Übermittlungsmethoden verdrängt worden. Es wird noch vorzugsweise auf stark gestörten Nachrichtenkanälen benutzt, weil akustische Morsezeichen auch dann noch richtig entziffert werden können, wenn sie von starken Störgeräuschen überlagert sind. Die bis heute verwendete Form erhielt das Morsealphabet 1849 durch W. Gerke bei der Einführung der ersten Telegraphenlinie in Europa auf der Linie Hamburg - Cuxhaven.
Trotz der Tatsache, dass das Morsen von immer weniger Amateuren angewendet wird, ist es aus dem Amateurfunk kaum wegzudenken. Zunächst ist es nach wie vor so, dass die Lizenzbestimmungen nur demjenigen freie Fahrt auf den weltweiten Funkverkehr geben, der seine Fähigkeit im Telegraphieren unter Beweis gestellt hat und damit die entsprechende Lizenzklasse erlangt. Aber auch ohne diese zwingende Notwendigkeit gibt es gute Gründe, zumindest im Amateurfunk, auf diese Betriebsart nicht zu verzichten.
Es ist heute ohne weiteres möglich, mit Empfängern Trennschärfen von 100 Hz und darunter zu erzielen. Damit können Morsezeichen ohne Schwierigkeiten gelesen werden. SSB-Signale dagegen benötigen eine Bandbreite von 2,1 kHz, wenn sie noch einwandfrei aufgenommen werden sollen. Höhere Trennschärfe bedeutet aber weniger Störanfälligkeit und bessere Lesbarkeit. Daraus folgt, dass ein Morsezeichen auch noch gehört werden kann, wenn SSB-Signale längst im Störpegel untergegangen sind. Eine Erscheinung, die jeder erfahrene Kurzwellenamateur kennt. Da Telegraphiesignale nur ein ganz geringes Frequenzband belegen, können bei gleichem Bandumfang wesentlich mehr Sender gleichzeitig ungestört nebeneinander arbeiten, als bei jeder anderen Betriebsart. Für den, der morsen kann, sind also die Bänder "breiter".
Nicht jeder, der in die Luft will, spricht eine der wesentlichen Fremdsprachen so perfekt, dass er sich ohne Hemmungen in die Welt hinaustraut. Die meisten eignen sich zwar einen internationalen Standard an, der aus wenigen Redewendungen besteht, können aber dann auf das Buchstabieren den für die Telegraphie geschaffenen Abkürzungen dabei nicht verzichten. Sie verwenden also "gesprochene Telegraphie". Ich kenne Funkamateure, die sich der Sprachbarriere wegen damit begnügen, ihre QSO's* mit deutschsprachigen Partnern abzuwickeln, obwohl ihre Funkstationen dem neuesten technischen Stand entsprechen und weltweit gehört werden.
Wer morsen kann, wird sich dieser Schwierigkeit von Anfang an überhaupt nicht bewusst. Amateurabkürzungen werden auf der ganzen Welt ausnahmslos verstanden. Beherrscht man sie einmal, werden auch mühelos längere Verbindungen abgewickelt, die sich keineswegs nur auf vereinfachte technische Detailfragen beziehen. Ein guter Funker kann mit der Taste lachen und weinen.
Nicht verschwiegen werden soll, dass es ein weiter Weg ist bis zur Perfektion. Die vollen Möglichkeiten des Telegraphierens erschliessen sich nur dem, der bereit ist, sich durch die ersten tausend qso's hindurchzuarbeiten. Hierbei helfen ihm gute Freunde durch Geduld und Verständnis. Einem Newcomer weiterzuhelfen ist unter Telegraphisten Ehrensache.
Schon diese kurze Aufzählung sollte für den Newcomer genug Gründe liefern, sich um das Morsen als der leistungsfähigsten Betriebsart für den weltweiten Amateurfunk zu bemühen. Es gibt keine sportlichere Art der Betätigung im Funkverkehr. Gelegentlich wird den CW-Liebhabern nachgesagt, dass sie sich mit dem Hauch der Exklusivität umgeben. Wäre dies so, so möchte ich mit dem hier vorliegenden Lehrgang dazu beitragen, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Schliesslich gab es eine Zeit, in der das Morsealphabet nahezu alleiniger Träger des Funkverkehrs war. Niemand hielt damals Telegraphie für etwas Besonderes.
* QSO = Funkverbindung

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